kullas_kosovo_001.jpg
kullas_kosovo_002.jpg
kullas_kosovo_003.jpg
kullas_kosovo_004.jpg
kullas_kosovo_005.jpg
kullas_kosovo_006.jpg
 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 
Drucken

Solidarität über die Landesgrenze hinaus

Kullas in Kosovo

Der Einsatz für die Pflege und die Erhaltung der Baukultur macht nicht an der Grenze halt. Der Schweizer Heimatschutz hat deshalb vor einigen Jahren ein Solidaritätsprojekt in Kosovo gestartet. Ziel der Aktion: traditionelle Steinhäuser, sogenannte Kullas, im Dorf Dranoc erhalten und wiederbeleben. Das gemeinsam mit einer schwedisch-kosovarischen Organisation durchgeführte Projekt kommt 2015 zum Abschluss.

Das Solidaritätsprojekt des Schweizer Heimatschutzes will nicht nur Baukultur fördern, sondern den konkreten Kultur- und Wissensaustausch mit einem Partnerland ermöglichen. Die Wahl für dieses erstmalige Projekt fiel auf Kosovo, da dort ein besonders grosser Handlungsbedarf im Bereich Baukultur und Denkmalpflege besteht – zudem beherbergt die Schweiz eine der grössten kosovarischen Diaspora in Europa.

Das Land ist von den Folgen des Kriegs von 1999 geprägt, in dem Hunderte von historischen Bauten und Ensembles zerstört wurden. Gleichzeitig erlebt Kosovo seit der Unabhängigkeitserklärung 2008 einen regelrechten Bauboom, ausgelöst durch den anstehenden Wiederaufbau zerstörter Gebäude und die Errichtung zahlreicher, dringend benötigter Neubauten. Die noch vorhandenen Baudenkmäler drohen von neuen Überbauungen verdrängt zu werden. Eine ausreichende Unterstützung des Staates bei der Erhaltung von Kulturgütern ist nicht vorhanden. Meist sind es die Besitzer, die frei entscheiden, ob sie ein Gebäude erhalten wollen oder nicht – nicht die Behörden. Aufgrund dieser Ausgangslage unterhält die Organisation Cultural Heritage without Borders (CHwB) in Kosovo eine Zweigstelle (s. Kasten). Diese Organisation erwies sich als effiziente und vertrauenswürdige Partnerin für das Solidaritätsprojekt.

Die Steinhäuser von Dranoc
Dranoc ist ein kosovarisches Dorf im Westen des Landes, nahe der Grenze zu Albanien. Die Leute sind arm, die Arbeitslosigkeit hoch. Im alten Kern des Dorfes findet sich eine baukulturelle Besonderheit in Form eines Ensembles mit 15 traditionellen Steinhäusern, sogenannten Kullas.

Kulla ist das albanische Wort für «Turm». Bezeichnet werden damit traditionelle ländliche Behausungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Erbaut aus natürlichen Materialien wie Kastanienholz und Flusssteinen, machen die Häuser mit ihren kleinen Fenstern, den Schiessscharten und den hohen Mauern einen wehrhaften Eindruck. Oft bilden mehrere Kullas einen Komplex mit einem Innenhof, umgeben von einer hohen Mauer mit einem grossen Tor. Im Erdgeschoss war das Vieh untergebracht, im ersten Stock fand das Familienleben statt. Hier wurde gekocht und geschlafen. Zuoberst befand sich das aufwendig verzierte und eingerichtete Herrenzimmer, wo die männlichen Familienmitglieder ihre Gäste empfingen. Über eine Aussentreppe gelangten diese direkt in den oberen Stock, ohne mit den (weiblichen) Familienmitgliedern in Kontakt zu kommen. Die Herrenzimmer der reicheren Sippen waren zugleich Orte der Politik und Rechtsprechung.

Viele Kullas wurden im Krieg 1999 zerstört, ein grosser Teil der noch bestehenden zudem aufgegeben, weil sie modernen Wohnansprüchen nicht mehr genügen. Ziel des Projekts in Dranoc war, die vorhandenen Kullas zu erhalten und zu restaurieren. Dabei geht es nicht nur um die fachgerechte Renovation, sondern auch um eine sinnvolle – wohl touristische – Nutzung, sei es als Unterkunft, Museum oder Seminarzentrum.

Folgeprojekte ausgelöst
In Dranoc sind neben der bereits 2004 renovierten «Kulla e Mazrekajve» und der durch den Schweizer Heimatschutz mit einem Beitrag von 15 000 Franken finanzierten Instandstellung der «Kulla Binakaj» von 2011 in der Folge drei weitere Kullas saniert worden, zwei durch EU-Gelder und eine durch Eigeninitiative des Besitzers. Von den 15 Kullas in Dranoc sind somit mittlerweile fünf gerettet. Zudem wurde die Hauptstrasse mit neuem Kopfsteinpflaster versehen (Projekt USAID mit der Provinz Decan). Ausserdem fand im September 2011 unter Beteiligung des Schweizer Heimatschutzes ein Workshop mit einem interdisziplinären Expertenteam statt, an dem ein Masterplan für die im Dorf Dranoc noch vorhandenen Kullas erarbeitet werden konnte. Das Solidaritätsprojekt des Schweizer Heimatschutzes hat somit erfreulicherweise einige Folgeprojekte ausgelöst. In zwei der Kullas finden sich Bed and Breakfasts – die Idee, dass sich in Dranoc ein Angebot von nachhaltigem Tourismus entwickeln soll, nimmt langsam Form an.

2015 wird ein weiteres Steinhaus, die «Kulla Dukaj» gesichert, die akut gefährdet ist, da das Dach beschädigt ist. Die Instandstellung des Dachs und des sehr schlecht erhaltenen zweiten Obergeschosses unterstützt der Schweizer Heimatschutz zusammen mit einer Stiftung mit rund 15 000 Franken. Wie bei der «Kulla Binakaj» ist die Finanzhilfe gebunden an eine vertraglich gesicherte öffentliche Nutzung eines Stockwerks der Kulla während mindestens zehn Jahren. Dieser Beitrag bildet den Abschluss des Projektes in Dranoc.

Das Solidaritätsprojekt ist ein Erfolg: Mit relativ bescheidenen finanziellen Mitteln konnte der Schweizer Heimatschutz über rund zehn Jahre zahlreiche Folgeprojekte auslösen und damit einen grossen Schritt zur Erhaltung eines der herausragendsten Ensembles historischer Steinbauten in Kosovo einleiten.

> Mehr zum Projekt «Kullas in Kosovo» des Schweizer Heimatschutzes (PDF, 1.3MB)

Unterstützen Sie uns

Auch die kleinste Spende für die Projekte des Schweizer Heimatschutzes ist willkommen!

 

> Mehr dazu

Cultural Heritage without Borders

Die schwedische Organisation Cultural Heritage without Borders (CHwB) wurde 1995 gegründet. Sie unterhält seit 2001 in Kosovo (Pristina) eine Zweigstelle. CHwB gilt in Kosovo als die Kompetenzstelle im Bereich Denkmalpflege.

 

> Mehr dazu

Renovierte Kulla von Shaban Binakaj

Ein erstes Gebäude wurde im Sommer 2011 im Rahmen des Projektes «Kullas in Kosovo».

 

> Mehr dazu